Hartmut El Kurdi teilt lesend im LitteraNova aus und macht vor sich selbst nicht Halt

V o n  P a t r i c i a  H e m p e l

Hildesheim. Hartmut El Kurdi hatte schon befürchtete, sein Stern in Hildesheim sei verblasst. Doch es kommt gleich zu Anfang beinahe zu Freudentränen. Der Laden ist voll. Fans, Neugierige, Zeitungsleser und Freunde satirischen Allerleis sind ins LitteraNova gekommen. Schriftsteller und Kolumnist El Kurdi präsentiert seinen neuesten Streich: „Revolverhelden auf Klassenfahrt“. Das Buchcover zeigt den gebürtigen Jordanier, wie er eine Pistole auf seinen Cousin richtet: Kinder, die Krieg spielen. Ein schwarzhumoriger Wink mit dem Zaunpfahl, der die Gewalt im Nahen Osten ins Gedächtnis holt.

Bei El Kurdi ist alles immer ein bisschen drüber und etwas auf den Punkt. Ein Spaziergang durch die Absurditäten des Alltags, es geht um Sinnlosigkeiten und Angriffsflächen von nahezu allem, was sich in seinen Augen anbietet. Als scharfer Beobachter und gnadenloser Gesellschaftskritiker treibt er das Publikum an die Stelle, wo Humor zur Waffe wird. 18 temporeiche Texte gibt er zum Besten und greift auch mal zur Klampfe, ein Instrument, das an eine Bouzouki erinnert. Zu hören gibt es Country, besser gesagt eine countryfizierte Version des Homo-Klassikers „YMCA“.

Nicht alle Texte des Programms stammen aus dem neuen Buch. El Kurdi fühlt sich als „freier Mann“ und teilt um so schärfer aus. So beantwortet er die Frage, „warum er kein Topmanager geworden ist“ und warum es sich mit Gentrifizierung gut leben lässt. Er gesteht seine Sommerliebe zum Hannoverschen Stadtteil Linden, die „Schmuddelnichte“ vom Dienst, die im Vergleich zu „Tante Hannover“ über ihr großstädtisches Flair besticht.

Zwischenapplaus bringen Feststellungen wie „Angela Merkel ist das dumme dicke Mädchen, das man auf Klassenfahrt betrunken macht“. Es geht aber auch um Instant Karma, ein „Arschloch- Monolog“ in Form bissiger Rollenprosa. 40 Jahre geraucht, Lungenkrebs: Karma. 40 Jahre nicht geraucht, Hodenkrebs: Karma. El Kurdi klärt auf, dass man in der Reinkarnationshierarchie als Gutmensch nicht immer zum Vorteil abschneidet: Man endet als Lidl-Joghurt oder Knäckebrot.

Wozu braucht man Islamisten zum Feindbild, wenn es genug radikale Christen gibt, fragt El Kurdi. Wenn man als Katholik nicht feiern darf, lohnt sich das Evangelischsein. Was einen echten Popstar ausmacht, erfährt man in der Titelstory des neuen Buches.

Und es geht weiter. Der Sitzplanwahnsinn in Zügen der Deutschen Bahn, der Fokuhila-Chic Berliner Country- Fans in NVA-Saloons, die probiotische Wellness-Wurst aus Kassel und Howard „X“ Carpendale mit einem erschreckend geistfreien Song zur Obama-Wahl werden durch die Mangel gedreht. Führen die bibeldeutschen Sektentreffen der Zeugen Jehova zwangsläufig zu Marilyn- Manson-Musik. Gottes Wege sind unergründlich.

Obwohl das Medium der Kolumne eine kurze Halbwertszeit hat und schnell an Aktualität verliert, gelingt El Kurdi etwas Zeitloses. Denk- und Lachmuskeln werden beansprucht. Obwohl er sich nicht scheut auszuteilen und gerne Salz in die Wunde streut, wirkt nichts aufgesetzt oder abgehoben. Das liegt an El Kurdis Kunst, nicht nur das Leben auszustellen, sondern auch sich selbst. Ob von Mücken zerstochen in Dänemark oder unglücklich verliebt mit der „Pärchenlüge“ der Lassie Singers im Nacken: El Kurdi macht vor sich selbst nicht Halt. Die Wellness-Wurst hat ihm nämlich geschmeckt. Und sollte er eines Tages dement werden, nehme man sich in Acht, wenn es an der Tür klingelt: Er hat die neueste Ausgabe des „Wachturms“ bei sich.

Quelle: Hildesheimer-Allgemeine-Zeitung, 19. Mai 2014footer