Pressespiegel

Französische Chansons und Jazz im Litteranova

v o n   J u l i a   F i s c h e r

Es gibt die Art Musik, die nur in einem ganz kleinen Club ihren wahren Charakter entfalten kann, und die in einem großen Konzertsaal ihre liebliche Ausdrucksstärke verlieren würde. Unter diese Kategorie fällt die Musik von Christophe Garnerone. Das Litteranova bietet die ideale Größe für die Darbietungen des Franzosen. Bei Schummerlicht, Rotwein und Bier sitzen die Besucher, die man in ihrer Zahl an den Fingern abzählen kann, in fast schon wohnzimmerartiger Entspannung und warten auf leichtfüßige Chansons.

Nach halbstündiger Verspätung erklingen endlich Schlagzeug- (Piotrek Jazwinski), E-Bass- (Jörg Henkel) und Geigenklänge (Sarah Mainholz) von der Bühne. Und auf einmal vernimmt das Publikum die samtige Stimme von Christophe Garnerone. Doch wo steckt er? Mit einer Melodica nähert er sich aus einer dunklen Ecke der Bühne, steigt musizierend in schwarzem Sakko, langem, lässig um den Hals geworfenen Schal und Boots auf die Bühne. Das Gesicht des Südfranzosen umschmeicheln sanfte, dunkelbraune Wellen und ab und zu fällt ihm eine Locke der seitlich gescheitelten Haarpracht leicht vor die Augen. Dem verträumten Intro folgen dynamische Beats, Geige und Drums heizen dem Publikum ordentlich ein und Christophe zieht mit seiner Stimme und dem Keyboard in solcher Intensität mit, dass ihm sogar sein Schal vom Hals gleitet.

Mitten im dritten Song des Abends, „C‘est la raison“, wechselt der Chansonnier einfach Platz und Instrument – „irgendetwas ist mit dem Keyboard nicht in Ordnung“, wird er sich anschließend entschuldigen, und zwar nicht nur einmal. Kleine Soundchecks gibt es an diesem Abend öfters, sodass man bisweilen das Gefühl hat, eher einer Probe denn einem Konzert beizuwohnen. Doch der Sänger hält die ganze Zeit Kontakt zu seinem Publikum, schaut in die Runde und fragt jeden mal, ob alles okay sei. Seine sympathische Art sowie seine emotionalen Stimmeinlagen machen die chaotischen Zwischenfälle schnell wett. „Sei doch nicht so unentspannt“, rät seine Violinistin ihm halb im Scherz. Als dann auch noch der Schlagzeuger aufsteht, um Christophe Garnerones Schultern zu massieren, ist es bei so viel Empathie der Musiker untereinander um das Publikum geschehen.

Christophe Garnerone – in Marseille geboren, sein Herz an Hamburg verloren – verleiht seinen Kreationen wie dem gefühlvollen „Quand j´ y pense“ mit harmonischer und kräftiger Stimme zugleich einen melancholischen, tiefsinnigen Ausdruck.

Doch über was singt er da eigentlich? Seine Texte sind im Französischen verfasst und die meisten im Publikum dürften höchstens ein paar Wortfetzen verstehen. Nach dem Abend ist es wohl für so manchen an der Zeit, die alten Französischbücher aus der Schulzeit wieder aus dem Keller zu kramen. Denn wenn der Wahl-Hamburger einen seiner herrlich melancholischen, französischen Chansons singt, möchte man jedes Wort verstehen - obwohl seine hinreißende Musik auch so jedes Herz im Sturm erobert. Musikalisch wandelt er unter der Etikette „Chanson“ auf einem geräumigen Boulevard mit Retro-Charme. Wobei sein von den Anwesenden gefeierter Auftritt einen deutlich breiter aufgestellten Künstler zum Vorschein bringt, als die Vorankündigungen vermuten ließen.

 

Quelle: Hildesheimer-Allgemeine-Zeitung, 31. März 2014footer